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14.07.2022
Fakten und Hintergründe zur Untersuchung

Im Dezember 2016 beauftragte das Umwelt- und Nachbarschaftshaus (UNH) die Studie „Exploration zum Sozialmonitoring Flughafen Frankfurt und Region“, um den Einfluss des Frankfurter Flughafens auf die Sozial- und Wirtschaftsstruktur der Rhein-Main-Region zu untersuchen. Ziel war es, festzustellen, ob und wie sich die Auswirkungen des Flughafens erfassen und langfristig in einem sogenannten Sozialmonitoring beobachten lassen. Dafür bereitete das wissenschaftliche Team Daten auf, überprüfte Annahmen, entwickelte Indikatoren und führte umfangreiche Analysen durch. Alle Schritte eines Sozialmonitorings wurden durchlaufen, vor allem wurden soziale Strukturen vor Ort beobachtet, wie zum Beispiel die Bevölkerungszusammensetzung, die Einkommensverteilung oder der Bildungsstand.

 

Das UNH ist eine Tochter des Landes Hessen sowie Monitoring- und Geschäftsstelle des Forums Flughafen und Region (FFR). Die Exploration wurde vom Soziologischen Forschungsinstitut (SOFI) der Universität Göttingen in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) Osnabrück sowie weiteren Partnerinstituten durchgeführt.

Die Qualitätssicherung übernahmen vier unabhängige externe Experten:

  • Dr. Hans Diefenbacher: Stellvertretender Leiter der FEST – Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft e. V., Heidelberg, Professor em. der Universität Heidelberg
  • Dr. Jan Dohnke, Leiter der Abteilung Statistik und Stadtforschung in Darm-stadt (ehem. Projektleiter für Gutachten und Studien im Planungsbüro „die raumplaner – Büro für Stadt- und Regionalentwicklung“ (Berlin)
  • Dr. Martin Harsche, Professor em. für Luftverkehrswirtschaft der Universität der angewandten Wissenschaften Frankfurt/Main (bis 2019)
  • Dr. Udo Ludwig, Professor für Makroökonomie an der Universität Leipzig (seit 2019)

 

Vorgeschichte

Die Exploration erfüllt eine Forderung aus dem Mediationsverfahren zum Ausbau des Frankfurter Flughafens. Nach dem Bau der Startbahn West in den 1980er Jahren stieß die neuerliche Flughafenerweiterung auf Kritik und Widerstand. Die Mediation (1998-2000) versammelte Kritiker*innen und Befürworter*innen an einem Tisch, um die zukünftige Entwicklung des Flughafens zu besprechen. Es wurde ein Sozialmonitoring gefordert, um frühzeitig zu erkennen, wie der Flughafen die Sozial- und Wirtschaftsstruktur der Region verändert. 2008 wurde eine erste Pilotstudie für ein Sozialmonitoring in sechs flughafennahen Städten und Gemeinden durchgeführt. Die aktuelle Exploration greift diese Ergebnisse auf, geht dabei aber über die Voruntersuchung hinaus.

 

Was wurde untersucht – und wie?

Die Exploration sollte zwei Dinge zeigen: Erstens, ob und gegebenenfalls wie sehr der Frankfurter Flughafen die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen in der Region beeinflusst und zweitens, welche Kriterien und Indikatoren herangezogen werden sollten, um einen solchen Einfluss im Rahmen eines regelmäßigen Sozialmonitorings in Zukunft zu beobachten. Dafür nutzte das wissenschaftliche Team verschiedene Methoden – von der Analyse statistischer Daten über Befragungen bis hin zu komplexen Modellrechnungen und Korrelationsanalysen (Untersuchung statistischer Zusammenhänge). Berücksichtigt wurden Daten zu Flughafeneinflüssen, Siedlungsstrukturen, Bevölkerung, Wohnen, Beschäftigung, Einkommen, Bildung, politische Teilhabe und kommunale Finanzen.

Insgesamt umfasst die Exploration neun Module mit unterschiedlichen Schwerpunkten:

Modul 1: Arbeitsmarktliche Verflechtung und Branchenstruktur

Um die wirtschaftliche Verflechtung des Flughafens mit der Region sichtbar zu machen, analysierte das wissenschaftliche Team vor allem Daten der amtlichen Statistik und Verwaltung, wie zum Beispiel den Anteil an Pendler*innen oder die Wachstumsraten von Branchen.

Mehr zum Vorgehen sowie erste Ergebnisse finden Sie in der Broschüre „SoMo Wissen Nr. 1“ (PDF, 4 MB)

Modul 2: Beschäftigung und Wertschöpfung

Das wissenschaftliche Team analysierte darin die wirtschaftlichen Effekte des Frankfurter Flughafens auf die Beschäftigung in der Region. Hierfür befragte es unter anderem Arbeitsstätten auf dem Flughafengelände und führte Modellrechnungen durch, um die Wirkung eines erhöhten Flugaufkommens auf die Zahl der Arbeitsplätze in den einzelnen Branchen und Kommunen zu berechnen.

Mehr dazu in der Broschüre „SoMo Wissen Nr. 2“ (PDF, 3 MB)

Module 3 und 4: Sozioökonomische Verhältnisse

Wie sehr hängen Flughafeneffekte und soziale Strukturen in der Flughafenregion zusammen? Um dieser Frage nachzugehen, überprüfte das wissenschaftliche Team zum Beispiel, ob und in welchen Kommunen Fluglärm statistisch mit einem höheren Anteil an Menschen mit einem niedrigen Einkommen einhergeht.

Mehr dazu in der Broschüre „SoMo Wissen Nr. 3“ (PDF, 5 MB)

Modul 5: Sozioökonomische Gebietstypisierung

In welchen Teilgebieten der untersuchten Kommunen fallen Fluglärmbelastung und sozialstrukturelle Nachteile zusammen und sind auffällig? Das wissenschaftliche Team typisierte die Gebiete nach Indikatoren, die die Unterschiede zwischen ihnen besonders gut abbilden.

Mehr dazu im wissenschaftlichen Modulbericht Nr. 5 (PDF, 33 MB)

Modul 6: Gespräche und Befragungen

Das wissenschaftliche Team holte Einschätzungen von Expert*innen sowie Inte-ressensvertreter*innen zur Rolle des Flughafens für die Entwicklung der Region ein und fragte Bewohner*innen, wie sie Fluglärmbelastung erleben und darauf reagieren.

Mehr dazu in der Broschüre „SoMo Wissen Nr. 3“ (PDF, 5 MB)

Modul 7: Vertiefende Haushaltsinterviews in ausgewählten Gebieten

Dieses Modul musste aufgrund der Coronapandemie und den damit einhergehenden Schutzmaßnahmen und Kontaktbeschränkungen ausfallen.

Modul 8: Abschlussbericht und Empfehlungen

Das wissenschaftliche Team fasst die Ergebnisse der Untersuchungen zu zentralen Schlussfolgerungen zusammen, spricht Empfehlungen für die mögliche Umsetzung eines Sozialmonitoring in der Flughafenregion aus und schlägt passende Indikatoren vor.

Mehr dazu in der Zusammenfassung „Die wichtigsten Empfehlungen für ein Sozialmonitoring“ (PDF, 89 KB)

Modul 9: Vertiefende Gebietsanalysen

Erste Ergebnisse werden frühestens Ende 2022 erwartet.

Die wichtigsten Erkenntnisse

Die Exploration hat gezeigt, dass der Frankfurter Flughafen ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor in seiner Region ist. Er beeinflusst die Zahl und Art der Arbeitsplätze, sowohl direkt über die Branche Verkehr und Lagerei als auch indirekt über Liefer-, Konsum- und Investitionsketten. Dabei reichen seine indirekten Effekte weit über die unmittelbare Flughafenumgebung hinaus. Allerdings ist sein Einfluss sehr heterogen. Die Städte und Gemeinden der Region unterscheiden sich deutlich in ihrer Branchen- und Beschäftigungsstruktur – und damit auch in ihrer Abhängigkeit von der Branche Verkehr und Lagerei und dem Flughafen.

Insbesondere in den Nachbarkommunen des Flughafens betrifft Fluglärm oft Menschen, die sozial und wirtschaftlich bereits benachteiligt sind. Darüber hinaus aber ist der Einfluss des Flughafens auf die Sozialstruktur schwierig zu erfassen. Der Grund: Gefundene Korrelationen zwischen Flughafen und sozialstrukturellen Merkmalen wie etwa Einkommen, Bildungsstand oder Arbeitslosigkeit sind in der Regel eher schwach ausgeprägt oder werden oft durch Einflüsse überlagert, die sich durch die Lage des Flughafens in einem großstädtischen Ballungsgebiet ergeben. So hängt ein durchschnittlich niedrigeres Einkommen vor allem mit der Bevölkerungsdichte oder dem Anteil an nichtdeutschen Personen zusammen – beide sind in urbanen Gebieten erhöht. Einige dieser Faktoren können identifiziert und herausgerechnet werden, aber nicht alle und nicht vollständig.

Das wissenschaftliche Team empfiehlt daher ein Monitoring, das nicht nur den Einfluss des Flughafens in den Blick nimmt, sondern die sozioökonomischen Entwicklungen in der Rhein-Main-Region in ihrer Breite beobachtet.

 

Zukunft des Sozialmonitorings

Das empfohlene Monitoring (siehe auch „Die wichtigsten Empfehlungen für ein Sozialmonitoring“ unter www.sozialmonitoring.de) würde eine Vielzahl von Kommunen in der Region berücksichtigen und sozioökonomische Entwicklungen in der Breite beobachten, um den Einfluss des Flughafens realistisch zu erfassen. Es würde zwar die Kommunen dabei entlasten, selbst sozioökonomische Daten zu erfassen und aufzubereiten, stellt aber hohe Anforderungen an die Interpretation und Bewertung der regelmäßigen Ergebnisse. Da regionale und großstädtische Einflüsse die Wirkungen des Flughafens stark überlagern, sind eindeutig zurechenbare Zusammenhänge und weitere Auswirkungen des Flughafens nur schwer zu identifizieren. Der Koordinierungsrat des Forums Flughafen und Region (FFR) sieht daher zurzeit keinen Bedarf an einem solchen breit angelegten Sozialmonitoring, sondern strebt an, spezielle flughafenbezogene Fragestellungen im Bedarfsfall zu untersuchen. Dies kann auch in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, wie zum Beispiel Gebietskörperschaften, erfolgen. Das Modul 9 der Exploration wird dennoch weiter durchgeführt, da die Beobachtungen auf kleinräumiger Ebene neue Erkenntnisse zur Wirkung des Flughafens liefern könnten.